KOMMENTAR

„Wir können nicht um alle trauern …“

… sagt der Soziologe Matthias Meitzler von der Universität Passau. Die Ludwigsburger Kreiszeitung zitiert den Trauerforscher in ihrer Ausgabe vom 26.11.2021.

Danach gingen seiner Meinung nach mit den täglichen Meldungen einer
abstrakten Zahl von Toten durchaus auch Gewöhnungseffekte einher. Das klinge zwar hart, lasse sich aber nicht ganz vermeiden. „Wir können nun mal nicht um alle Menschen trauern. Ansonsten würde unser Alltag schlichtweg nicht funktionieren … Das macht
betroffen, das schockiert, aber es sind nun mal in der Regel keine persönlichen Verluste aus dem unmittelbaren Umfeld.“ In der Trauerkultur habe Corona einiges durcheinandergebracht, ob beim Abschied am Sterbebett oder bei Trau-
erfeiern. Meitzler sprach von einer „weiteren Privatisierung von Trauer“.

Keine Frage – der Mann weiß wovon er spricht. Und was sich auf den ersten Blick als Provokation liest, basiert auf bei genauerem Hinsehen durchaus auf den Erfahrungswerten der letzten Monate. Gerade bei Trauerfeiern erlebe ich das in fast jedem Trauergespräch: viele Angehörige reduzieren von sich aus schon die Anzahl der Teilnehmenden oder geben das Ableben absichtlich erst nach der Beerdigung bekannt.

Aber genau deshalb ist es aus meiner Sicht not-wendend, dass Trauern nicht zur Privatsache verkommt. Denn wie sollen Menschen, vor allem diejenigen, die bisher noch nicht mit diesem Thema bewusst konfrontiert wurden, lernen, wie es einem da geht, was da alles um einen herum vorgeht und wie sich gelingendes Trauern ja auch auf die Lebenseinstellung insgesamt förderlich auswirkt?

Deshalb würde ich es im Unterschied zu Herrn Meitzler begrüssen, wenn neben der privaten und persönlichen Trauerfeier auch öffentliche Erinnerungsorte und Erinnerungsmomente entstehen könnten. Es gibt z.B. Kirchen, die tagsüber geöffnet sind und in denen neben der Gelegenheit eine Kerze anzuzünden auch Gedenkorte für Verstorbene eingerichtet wurden, manchmal sogar mit Bildern der Personen. Das ist eine von vielen Möglichkeiten – hier haben gerade die Religionen viel Erfahrung und eine Ritualkompetenz, die sich auf alle positiv auswirken könnte.

Wolfgang Müller, Trauerpastoral Dekanat Ludwigsburg

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